|
Tagebuch vom 8. Februar 2002
Waldkindergartenalltag
Es ist ein trüber Freitagmorgen, es wird den ganzen Tag
nicht richtig hell werden, der Boden ist vom Regen der Nacht nass,
aber von oben bleibt es trocken. Warm angezogen bin ich gespannt,
was mich mit den nun schon Großen erwartet.
Nach dem Glöckchen erklingt das Kreislied und alle finden
sich zusammen.
Wenn wir uns die Hände geben, hier in unserem kleinen Kreis
,dann steht keiner mehr daneben, weil er sich geborgen weiß.
Und der Kreis wird immer größer, immer größer
wird er sein. Jeder kann es miterleben und kommt in den Kreis
hinein, jeder kann es miterleben und kommt in den Kreis hinein.
Frau Frick: "Jetzt singen wir das neue Lied von Diana. Sie
ist jetzt der Chef." Lasse: "Ah, nein , sie ist doch
nicht der Chef. Hi-hi, sie ist die Chefin."
Ich will euch begrüßen und mache das so, hallo, hallo
,wie schön, dass Ihr hier seid und nicht anderswo, hallo,
hallo, hallo-ho, hallo-ho.(winken, winken, verbeugen)
Daniel zählt die Kinder: wieder 13, wie schon oft. Nun werden
die beim Namen genannt, die heute nicht dabei sind. Und welchen
Wochentag haben wir heute?
Schwinge, schwinge, schwinge, schwinge, läute Glocke, läute,
Freitag ist es heute, Freitag ist es heute, Freitag ist es heute.
Zum kalten Wind heute passt:
(Faust machen)
Fünf Fingerlein sitzen dicht an dicht
sie wärmen sich und frieren nicht.
(Die Finger nacheinander öffnen)
Der erste sagt "auf wiedersehen",
der zweite sagt "ich muss jetzt gehen",
der dritte hält`s auch nicht mehr aus,
der vierte geht zur Tür hinaus.
Der Kleine ruft "he ihr , ich frier!",
da wärmen ihn die anderen vier.
(Hand wieder schließen)
Nun marschieren wir ein gutes Stück. Den Berg runter geht
es im Sauseschritt. Kreuzung gleich Haltepunkt ,dann weiter nach
links. Bald kommen wir an eine große Pfütze , oder
besser, an ein Wasser. Die Kinder passen sehr gut auf, dass sie
nicht zu tief ins Wasser kommen, aber etwas brizzelig ist es doch,
ob wir nicht vielleicht doch umkehren müssen, einen völlig
durchnässten zu retten und zu trocknen. Die Buddelhosen über
den Gummistiefeln sind einem knietiefen Tritt ins Wasser gewachsen.
Aber auch als drei Mädchen eineinhalb Meter über dem
See rittlings auf einem schräg darüber liegenden Baumstamm
schaukeln , bleiben unsere drei erwachsenen Flohhüter gelassen.
Die anderen angeln, stochern im Schlamm, spritzen und versuchen
immer wieder entlang des rutschigen schrägen Ufers ihre Trittsicherheit
unter Beweis zu stellen und das kalte Nass herauszufordern. Wenn
das zu leicht ist, werden riskantere Sprünge über den
reißenden Strom gewagt.
Hier ist es ein schönes Miteinander. Als Diana an Ästen
hängen bleibt, hilft Carmen ihr.
Antonia hat eiskalte Finger, die in Frau Fricks Händen wiederbelebt
werden. Nun geht`s weiter immer den Weg entlang. In kleinen oder
größeren Grüppchen geht jeder verschiedenen Betrachtungen
nach.
Luis, Lasse und Manuel haben einen großen Ast zurechtgerissen
und tragen zu dritt daran. Manuel behauptet, ein älteres
Anrecht auf diesen Gegenstand zu haben und will ihn alleine tragen.
Luis sieht das anders und klammert seine Hände fester daran.
Lasse schlägt Einigungsmöglichkeiten vor, die wollen
aber erst ausdiskutiert sein. Zu dritt den Ast tragend, sehe ich
die drei wegmarschieren.
Nach einer Weile kommen sie zu mir und wollen mir den Ast schenken.
Damit hatten sie gehofft, den Streit beilegen zu können.
Doch auf die Erwachsenen ist auch kein Verlass. Sonst haben sie
nie Lust zum Spielen und jetzt, wo ich mal ernst bleiben soll,
fasel ich was von einem viel zu schweren Wildschwein, das da dranhinge.
Es ist zwar kurz lustig, wie ich unter der schweren Beute fast
zusammenbreche, aber mit ihrem Problem sind die drei immer noch
nicht weitergekommen. Für meinen völlig inkompetenten
Einwurf, einen weiteren ähnlichen Ast zu suchen, strafen
sie mich mit kalter Missachtung.
Frau Frick erzählt mir, wie die Kinder immer mehr lernen,
ihre Konflikte untereinander zu lösen, und dass sie sich
oft bemühen muss, nicht immer Recht sprechend einzuschreiten.
Nach weiteren Verhandlungen wird der Zankapfel gemeinschaftlich
über den Graben geworfen. Luis holt ihn sich. Entsetzen!
Doch nein. Er will ihn nicht für sich, er will den Entschluss
der Gruppe nur unterstreichen, und wirft ihn noch mal und diesmal
noch weiter weg. Oder wollte er nur das letzte Wort haben?
Jedenfalls können jetzt alle Gott sei Dank mit dieser Lösung
leben.
Immer wieder soll ich sie fangen und dabei furchtbar gefährlich
tun, denn dieses gemächliche Gehen ist ja langweilig. "Du
bist ein Gepard!" ( Schön wär`s) Aber ich soll
schon auch richtig rennen, nur schnell gehen ist auch nichts.
Ich fühle mich so träge...
Die rettende Unterbrechung: hier gehen wir die Böschung
hinab. Ein umgesägter Baum mit Holzspänen am Boden,
frische Holzstücke und weiter unten noch unerforschte Klettergerüste
versprechen viele Schnitz- und Spielmöglichkeiten.
Alle können sich in einem wunderschön großen Gebiet
verteilen und springen davon.
Janosch, Lea, Carmen und Daniel sind am Schnitzen. Die scharfen
Messer werden bereitwillig hin- und hergeliehen. Antonia wird
sich über eine halbe Stunde mit einer Waldkette beschäftigen,
wozu sie Schätze durchbohrt und auffädelt. Am Ende verliert
sie eins der mühsam durchgebohrten Hölzer in den Blättern.
Was man als Kind alles so aushalten muss!
Diana und Eleonora haben auf einem anderen Baumstumpf einen Tisch
gedeckt. Jetzt werden noch die Fleischküchlein geformt.
Ein anderes Kind hat sich Korays Schoß als schönen
Rastplatz auserkoren, ihnen gegenüber sitzen noch zwei und
gehen irgendwelchen ruhigen geheimnisvollen Dingen nach.
Nun nähern sich Janosch und noch jemand dem Trio Lasse-Luis-Manuel,
diesmal durch die weibliche Gesellschaft von Seria geschmückt
Bevor hier irgendwelche Unklarheiten aufkommen könnten, erschallt
es: " Geht weg hier! Das ist unser Revier. Wir waren zuerst
hier." Sprachlos wird Frau Fricks Vorschlag angenommen und
die Abgewiesenen nehmen die zehn Meter südlich gelegene,
nachbarschaftliche Burg, sprich einen ebenso großen, umgestürzten
Baum in Besitz.
Lucca und Carmen haben sich phantasievolle Ruten gebastelt.
Daniel versichert sich mehrmals, ob ich seine neuerworbene Wunde
vom Schnitzen auch wirklich gebührend zur Kenntnis genommen
habe.
Auf dem Rückweg heißt es," Beeilung", damit
wir im Bauwagen noch vespern können. Mit Lauf-, und Fangespielen
sind die müden Kinder noch zu Höchstleistungen bereit.
Zwischendurch gilt es immer wieder, die klammen Hände aus
den Handschuhen zu ziehen und nasse, erdige Schnürsenkel
wieder zuzubinden oder manche müden Wanderer vom Beinklammergriff
abzubringen. Inzwischen ist alles ganz schön schmutzig. Ich
spüre meinen angestrengten unteren Rücken . "Auch
ein Knochenjob" kommt mir da in den Sinn.
Alle Vorbereitungen zum Vespern klappen wie am Schnürchen.
Dann sitzen wir eng beieinander im kühlen Bauwagen, dessen
Scheibe auch schnell beschlägt. Die Kinder sind ganz still,
wohlig mampfend. Die Stimmung ist schön, man hat zusammen
etwas erlebt.
"Geschichte?" Frau Pfost lässt sich nicht lange
bitten. Ein Baumpilz erzählt einem kleinen Mädchen von
den Zwergen, die manchmal auf ihm rasten. Auf der Zeichnung ist
kein Zwerg zu erkennen. Nur manchmal, wenn man genau hinschaut,
kann man vielleicht einen Zwerg sehen.....Alle, auch die großen
Töne spuckenden Jungs sind ganz bei sich und überlegen,
wie und ob sie schon mal einen Zwerg gesehen haben oder mal einen
sehen werden.
Danach wieder zwei Temperamente: die ruhigeren und die Fange
spielenden.
Auch hier erlebe ich wieder Tränen durch einen Zusammenstoß
und Angst um den gerade neu gewachsenen Zahn, Wut und verletzter
Eigensinn wegen unterschiedlicher Auffassungen von Spielregeln
und glühenden Ärger wegen eines Verstecks, das man mit
dem anderen nicht zu teilen bereit war. Gleich wird die Freundschaft
aufgekündigt und man kann sich nicht vorstellen, dass man
jemals im Leben wieder über diesen Ärger hinwegkommt.
Als ich nach Hause komme, bin ich erschöpft von der feuchten
Kälte und dem vielen Danebenstehen. Völlig erschlagen
aber haben mich die hochpeitschenden Emotionen.
Ich möchte kein Kind mehr sein, mir wäre dieses Streiten
üben einfach zu anstrengend. Jedenfalls kann ich wieder mehr
verstehen, warum sie mittags oft fix und fertig sind.
Und unseren tapferen Erziehern, die so gewissenhaft und mit viel
Liebe die große Verantwortung tragen, kann ich nur meinen
bedingungslosen Respekt zollen.
Sicher gibt es auch wieder lieblichere Tage im Wald, aber das
ist eben auch "Alltag".
Stefanie Haubitz
|
|
|